
© Moritz Kuestner
Joalia Ellwanger: Musikalische Zuwendung als heilsamer Gemeinschaftsakt
Notfallkonzert des „Orchester im Treppenhaus“ im Sprengel-Museum Hannover am 22.05.26
Das hier ist ein Notfallkonzert! Bereits der Titel der Formatreihe des in Hannover seit 2006 unter künstlerischer Leitung von Thomas Posth ansässigen Orchesters im Treppenhaus besticht mit seiner Dringlichkeit. Das professionelle Ensemble für Klassik und zeitgenössische Musik etablierte diese Reihe als regelmäßig stattfindende und kostenlose Veranstaltung an verschiedenen Spielstätten.
Am Freitag, den 22.05.2026, finden nach und nach immer mehr Menschen ihren Weg durch die Türen des direkt am Maschsee gelegenen Sprengelmuseums, das als Veranstaltungsstätte dient. In der ruhigen Sonne des langen Pfingstwochenendes treten sie ein. Von den Notfällen, die sie mit sich hineintragen, ist noch nichts zu spüren.
Der richtige Ort
Der Weg zum Konzertsaal führt durch einen Teil der Dauerausstellung: Beim Eintreten bewegt man sich zunächst durch einen großflächigen Saal, in dem die Exponate mit viel Freifläche installiert sind. Man befindet sich also in Räumen, in denen man erst einmal tief durchatmen, weit blicken und denken kann, bevor man den Saal betritt. Für eine sensible Performance wie diese spielt der Raum als Schutzort eine wichtige Rolle. Dieser ist nicht nur hell und offen gestaltet, sondern bietet, wie im Zuge der Darbietung erkundet wird, zudem eine sehr satte und klare Akustik.
Das Publikum wird empfangen von vier Mitgliedern des Orchesters: Ein Streichquartett, besetzt mit Moritz Ternedden an der ersten und Johanna Ruppert an der zweiten Geige sowie Yannick Hettich an der Bratsche und Michael Schmitz am Cello bildet einen Halbkreis um einen freien, einladend gepolsterten Drehstuhl. Zunächst wird das Format vorgestellt.
Impro-Anamnese und musikalische Medikation
Das Konzert ist partizipativ: Die Zuhörenden werden eingeladen, einen persönlichen Notfall, in dem sie sich befinden, anonymisiert auf einen Zettel zu schreiben, derer es insgesamt 10 gibt. Was als Notfall gilt, darf individuell interpretiert werden, er sollte jedoch ernsthafter Natur sein, d.h. beispielsweise innere Konflikte, belastende Lebensumstände und traumatische Erfahrungen betreffen. Anschließend wird im Laufe des Konzertes ein Notfall nach dem anderen behandelt – im wahrsten, somatischen Sinne des Wortes!
Das Quartett liest den Zettel im Stillen durch, bespricht sich diskret und lädt anschließend die erste Person ein, mit ihrem Notfall gemeinsam bei ihnen im engen Kreis auf der Bühne Platz zu nehmen. Sie sitzt dort mit dem Gesicht zugewandt zu den Menschen, die für sie spielen und der empathisch mitempfindenden restlichen Zuhörerschaft hinter sich.
Nun spielt die Streich-Formation zunächst eine improvisierte Interpretation des Problems und anschließend ein dafür als Arznei ausgewähltes Entsprechungsmittel: ein klassisches Stück, ausgesucht aus einem spezifisch für diesen Zweck kuratierten Repertoire von 35 Stücken. Antworten auf verschiedene mögliche menschliche Leiden. Unter den gespielten Stücken befinden sich beispielsweise unter anderem Bachs „An das Morgenlicht“, Schulz „Abendlied“ oder beinahe poetologisch: Beethovens „Danksagung des Genesenen an den Kranken“.
Die Begegnung ist sanft und respektvoll. Johanna Ruppert schaut jeder einzelnen Person vor dem ersten Geigenstrich in die Augen, nimmt sich den Moment, diese wahrzunehmen. Die Gruppe fungiert dabei im Grunde wie ein ritueller „Heiler‑Korpus“. Die Menschen, die sich mit ihren Notfällen dort hinbegeben, sind sichtlich berührt, vielen kommen die Tränen und im Publikum fühlt man sich denjenigen ebenfalls sehr nah. Es entsteht Nähe zu den Fremden, deren Erfahrungen sich plötzlich mit den eigenen kreuzen können. Die Zuschauenden begeben sich mit in das Problem hinein. Vielleicht haben sie dasselbe? Vielleicht heilt die Musik ein Stück weit auch ihres? Wie bei einem tatsächlichen Arztbesuch wird über den jeweiligen Notfall Diskretion bewahrt.
Die improvisierten Interpretationen der Notfälle sind durchaus unterschiedlich: Mal spielt nur eine Person, mal alle gemeinsam, je nach Problem. Ein wenig ähnlich und nicht stark experimentell ist der Improvisationsteil nun doch und verlässt nur zaghaft klassische Harmonien und Spielweisen. Dafür wird aber auch niemand, der vorn mit seinem Problem Platz genommen hat, überrumpelt. Die Musizierenden setzen mehr das Spiel für ihr Gegenüber als eine selbstzentrierte avantgardistische Performance in den Mittelpunkt. Musikalisch ist es eine Darbietung auf höchstem Klassik-Niveau. Die nach dem Improvisationsteil auf das Problem reagierenden klassischen Stücke lassen sich auch für Zuhörende als Pendants erkennen und nachvollziehen.
Beispielsweise findet sich ein Notfall, dessen musikalische Interpretation darin besteht, dass das harmonische Zusammenspiel immer wieder der Interruption durch einzelne staccato gezupfte „Ausschlagspunkte“ ausgesetzt ist, die das Spiel kreuzen und stören.
Das klassische Stück, das hierzu als Gegenmittel gespielt wird, weist in seiner Dynamik eine Art des sanften Hin- und Herschaukelns ohne die vorherigen Unterbrechungen auf, bleibt aber in Moll. Schlussendlich bildet sich ein tonal immer weiter anhebender Strudel, der auch im Tempo eine Emotion evoziert, die sich in diesen Orkan immer mehr hineinwirft, während alles um einen herum hochtreibt. Das Stück endet keinesfalls plötzlich, sondern wird langsam leiser und bleibt dabei dennoch bis zum Schluss dynamisch. Auch wenn nicht eindeutig klar ist, worin der Notfall bestand, versteht man musikalisch, dass die sich dem Individuum aufdrängenden Plötzlichkeiten des Lebens nicht unbedingt mit Stille geheilt werden müssen, sondern im Gegenzug auch ein Hineinspringen möglich ist. Die Interpretation ist damit komplex und bietet der Person ein Angebot einer Sichtweise bzw. eines möglichen Handlungsmusters an.
Was hierbei passiert, kann jeder emotional nachvollziehen, ob Klassik-Expertise oder nicht. Ob das jeweilige Stück hierbei erkannt wurde, ist eher ein unterhaltsames Rate-Spiel als ein zum Verständnis notwendiges Muss. Menschen mit wenig klassischen Kenntnissen lernen neue Stücke kennen, erfragen die Titel bei anderen, die sich besser auskennen und tauschen sich darüber aus. Zum Schluss spielt das Quartett noch ein Stück für alle Anwesenden.
Warum ein Streichquartett?
Nach dem Konzert wird freudig über die Performance diskutiert, auch über die Besetzung: Das Orchester besteht eigentlich insgesamt aus 19 Musikern und Musikerinnen. Man fragt sich demnach, ob es auch ein Notfallkonzert mit Tuba oder Percussion hätte geben können. Der künstlerische Leiter Thomas Posth erklärt im Interview schmunzelnd, dass die anderen Ensemblemitglieder immer wieder sehr neidisch auf dieses Format sind und ebenfalls gern bei den Notfallkonzerten mitwirken würden, dass die Wahl aber ganz bewusst auf die Streichinstrumente fiel. Ein anderes Instrument oder gar die Stimme einzusetzen, wurde diskutiert, allerdings scheitert dies zum einen daran, dass man sich nicht mit allen Instrumenten so nah um die Person herumsetzen kann, was essenziell ist und z.B. mit einem Piano nicht denkbar wäre. Zum anderen wurde aber auch die Streichbesetzung als emotional am passenden empfunden: Eine Formation aus Holzbläsern könnte natürlich ebenfalls in dieser Anordnung spielen. Ein Streichinstrument ist für sein persönliches Empfinden aber näher an den Menschen und auch im Sound näher an der Stimme. Auch an Gesang wurde gedacht, dieser wurde aber als überfordernd verworfen. Wichtig sei es, dass alles ein wenig verunklart bleibe und nicht als zu ‚heftig‘ empfunden wird, was womöglich der Fall wäre, wenn 4 Menschen um einen herumstünden und sängen oder die Klänge intrusiver würden.
Auf die Frage, wie das Ensemble mit den Notfällen selbst umgeht, erklärt Posth:
„Als wir damit angefangen haben, wussten wir noch gar nicht, wie wir damit umgehen werden. Und es ist auf jeden Fall interessant, weil wir auf eine Art ja irgendwie dann im Tun sind. Das ist glaube ich auch der Grund, warum auch Ärzt:innen und Therapeut:innen ihren Job machen können, denn, wenn man im Tun ist, ist man nicht so krass in der Emotionalität drin. Man ist einfach in der Rolle ‚Ich helfe dir jetzt‘.“
Das Musikalische verleiht damit also den Spielenden selbst eine direkte Handlungsfähigkeit. Außerdem erfüllt es sie zutiefst und ist der Kern dessen, weshalb sie Musik machen.
Archaische Kulturtechniken, Zugänglichkeit und Teilhabe
Das Besondere am Format der Notfallkonzerte ist, dass diese Art der künstlerisch-rituellen Heilung heute in anderen Kulturen und früher auch in alten Hochkulturen sehr verbreitet ist und war. In Marokko praktizieren beispielsweise die Gnawa, eine ethnische Minderheit, bis heute sogenannte Lila-Zeremonien, bei denen ein ganzes Ensemble (Moquadem, Guembri-Spieler, Qraqeb-Metalpercussion, Sänger und Tänzer) eine einzelne kranke Person über ca. 12 Stunden hinweg durch eine Trance-evozierende Musik von ‚negativen Geistern‘ befreit. Dieses Ritual ist seit 2019 auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes und eine heute noch aktive Tradition. In der antiken griechischen Hochkultur kamen Einzelne in die Asklepieia (Heiligtümer des Asklepios) und wurden dort unter anderem mit Musik und Theater behandelt. In der europäischen Moderne findet man derartige Rituale hingegen kaum, wobei die zunehmende Einsamkeit der Großstadt und der Wunsch nach zwischenmenschlichem Kontakt und heilsamen Kunstformen immer mehr zunimmt.
Das Orchester im Treppenhaus begegnet damit also einem sozialen Bedürfnis nach Kunst, es wirbt nicht nur mit Teilhabe, es setzt sie wirklich um. Eine Bewegung unserer modernen künstlerischen Praktiken in diese Richtung geht einem Bedürfnis nach, das in den modernen Massengesellschaften oft unerfüllt bleibt. Teilhabe ist hier keine leere Plakette zur Einwerbung von Fördergeldern oder zur eigenen Repräsentation, wie es doch bei so manchen Kulturprojekten der Fall ist.
Im Publikum gibt es deshalb nicht nur Applaus, sondern auch viele Menschen, die sich wortwörtlich beim Quartett bedanken, normalerweise wäre das andersherum. Beim Verlassen des Sprengelmuseums fällt der Blick auf das Gästebuch, auch dort hat ein behandelter Notfall eine Spur hinterlassen.